Philosophie

Alle Menschen haben eine Geschichte zu erzählen, verbal und nonverbal: Gehen, stehen, sitzen, arbeiten, sprechen, schweigen – diese Kommunikation fasziniert mich, bewegt mich. Ich filtere sie in stiller Partizipation heraus, ich dokumentiere sie und ich verändere sie, subjektiv durch meine Wahrnehmung und objektiv durch das Fotografieren.

Als Fotograf bin ich Beobachter und Nutzer dieser Welt: Landschaften, Architektur, Menschen, sie sind und bilden die Szenarien, die Kulissen für gelebte und erlebte Geschichten. Diese Geschichten sind schon gestaltet, wenn ich mich in diese Landschaften, Räume, Plätze begebe – ich muss sie nur erkennen, aufnehmen, antizipieren. Ich muss Einssein mit meiner Umgebung, empathisch führe ich meine Kamera, meist offen und nicht verdeckt. Indem ich mit den Menschen, den Plätzen innerlich und äußerlich kommuniziere, werde ich nicht als Fremdbild enttarnt. Ich teile mit ihnen den Raum, atme die Atmosphäre ein, die Nähe und Distanz definiert. Ich bringe mich mit den Menschen und auch mit der Landschaft oder der Architektur in eine atmosphärische Symbiose – es entsteht Einklang – fast berauscht nehme ich die Tiefe meines Denkens und visuellen Erfassens zur Umsetzung der Bilder wahr: meine gelebten Bilder.

So ist das Sehen und Betätigen des Auslösers ein innerer Einklang, das Ergebnis meines aufgebauten Gefühls. Ich synchronisiere meine äußere und meine innere Wahrnehmung, geprägt durch tief in mir abgespeicherte Lebenserfahrungen, Erfahrungen aus all dem Bisherigen mit der Kopplung des Jetzigen. Das augenblickliche Bannen des für mich entscheidenden Momentes aus der miterlebten Geschichte, aus der für mich richtigen antizipierten Perspektive, aus einer scheinbar unendlichen Geschichte mit ihrem Davor und Danach, bewirkt eine innere Spannung und gleichzeitig beruhigende Befriedigung: das Bild wird gelingen. Es ist das Ergebnis eines Dialoges zwischen innerer Welt und äußerer Wahrnehmung. Es ist der ersehnte philosophische Einklang mit der Zeit und dem Raum.

Ich sehe den Raum und die Menschen in ihrer Schönheit, im Umgang mit ihrer Realität, eine Realität, die soziologisch oft grausam oder hässlich sein kann, aber die innere Zwiesprache mit den zu fotografierenden Menschen, ich will ihnen ihre Schönheit und Würde geben. In der Freiheit des Fühlens mit dem Gegenüber entdecke ich die des Fremden, die Weisheit des Anderen, sie widerzuspiegeln heißt auch das Andere, oft das Fremde, zu akzeptieren, akzeptieren aus der Erkenntnis, ein Recht auf ein anderes Dasein zu haben. 

Als ein Fremder sehe ich anders. Als Teilnehmender schaue ich von Außen durch das Okular und entnehme mit meinen Bildern eine Innenwelt. Diese sich fühlenden Geschichten – ich schreibe sie auf und halte sie mit meiner Kamera fest. Was ich nicht in Bildern kommunizieren kann, kommuniziere ich über mein Schreiben. Ich bin kein technischer Perfektionist, ich bearbeite meine Bilder nur minimalistisch wie einst im Fotolabor, Ergebnisse gefallen mir oder die Stimmigkeit will sich nicht einstellen.

Der Alltag ist die Bühne, zuschauend und mitlebend übernehme ich die Momente mit meiner Kamera – und – verneigend gebe ich meine Bilder zurück!